Pulse of Europe: Max Bosse ruft seine Generation dazu auf, die EU zu verteidigen. Mit Zuneigung statt mit Waffen.

Ein Italiener, ein Belgier, ein Franzose und ein Deutscher gehen auf den Fußballplatz. Was ist das? Jedenfalls kein schlechter Witz. Sondern eine ziemlich gute Kleinfeld-Mannschaft. Wobei, zum Lachen war das Ganze während meiner Studienzeit in Paris durchaus, wo wir regelmäßig auf einem Ascheplatz kickten. Schließlich hat jeder und jede aus der Heimat Geschichten und Vorurteile mitgebracht, auch nach München, wo ich zuvor studierte. Menschen aus 17 EU-Staaten saßen über die Jahre da oder dort mit mir in den Seminaren. Zumindest kann ich so viele beim Durchzählen zweifelsfrei zuordnen. Wahrscheinlich waren es aber mehr als 20. Das Schöne daran war, dass da viele Unterschiede zusammenkamen und eine Gemeinsamkeit: Wir leben Europa. Und damit ist Europa längst einen Schritt weiter, als es die Skeptiker denken.

Heute vor 60 Jahren wurden die Römischen Verträge unterzeichnet, daraus resultierten die Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die Atomgemeinschaft (Euratom) und der Vorläufer des Europäischen Parlaments. Seither wird über das Für und Wider der EU gestritten, und die aktuelle Diskussion wird zum einen dominiert von wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Argumenten und zum anderen von einer Generation, die Europa ganz anders wahrnimmt als meine. Nimmt man die Unterschriften in Rom als Gründungsakt, bin ich etwa halb so alt wie das geeinte Europa. In der materiellen Kosten-Nutzen-Kalkulation finde ich mich nicht wieder.

Meine Freunde und ich genießen die Vorzüge Europas, reisen herum, bezahlen mit einer Währung. Der Vorwurf lautet dann, dass wir eine Spaß-Generation wären. Aber ist es verwerflich, wenn Europa auch Spaß macht? Vielmehr ist gerade dies Ausdruck von europäischer Stärke, diese Freude und Verbundenheit. Diese Selbstverständlichkeit. Warum mögen denn Menschen ihre Heimat? Nicht, weil sie wirtschaftlich herausragt, sondern weil man dort Land und Leute kennt, weil man eine gemeinsame Geschichte hat. Ich habe eben viele Orte und Menschen, mit denen ich mich identifiziere.

Klar, andere sind vor uns durch Europa gereist, und es waren andere, die die Grundlagen geschaffen haben für das, was ich heute als selbstverständlich wahrnehme. Diese Selbstverständlichkeit ist nun das, was die Beziehung meiner Generation zu Europa so besonders macht, und sie ist gleichzeitig die Gefahr.

Wir konnten uns ins gemachte Nest setzen. Und wir haben daher zunächst nicht aufgepasst, als nationalistische Kuckucks anfingen, uns Grenzen hineinzulegen. Marine Le Pen, 48 Jahre alt, Viktor Orban, 53, Norbert Hofer, 46, Geert Wilders, 53, Nigel Farage, 52, sind zwar vom Alter ebenfalls Kinder Europas, aber sie haben keine emotionale Bindung zur kontinentalen Gemeinschaft. Sie haben die EU als Machtinstrument kennengelernt und sehen in ihr das wirtschaftliche Werkzeug. Aus ökonomischen Gründen wollte man einst in die Union, jetzt aus ökonomischen Erwägungen wieder hinaus. Auch, weil mit dem Euro Abhängigkeiten und Verpflichtungen entstanden sind. Dabei hat der Euro eine unbezahlbare psychologische Wirkung: Er macht die Zusammengehörigkeit greifbar.

Der Publizist Roger Willemsen suchte 2014 vor den EU-Parlamentswahlen in 19 Länder nach <> und stellte fest, dass es ein Traum ist, der wachsen muss. Für meine Generation ist er schon Realität, sie muss ihn nun verteidigen. Aber nicht, wie Frankreichs Präsident François Hollande jüngst forderte, mit einer Europäischen Armee. Ein gemeinsamer Feind schweißt bekanntlich zusammen. Terror, Trump, Türkei. Doch wir haben so viel Positives im Innern, dass wir das Negative von außen nicht brauchen. Positives, das sich nicht mit ökonomischen Kennzahlen messen lässt und viel nachhaltiger ist: Dank der EU wurde in uns die Angst vor dem Fremden abgelöst durch Neugier auf Andere.

Europa bedeutet Offenheit im Denken und im Umgang mit Anderen. Für meine Generation ist die EU kein Wust aus Bürokratiehindernissen und Bananenkrümmungsregeln. Sie ist ein Gefühl, und das macht es in Diskussionen so schwierig. Wer nicht mit harten, also ökonomischen Fakten argumentiert, wird belächelt. Und wenn die Emotionen doch mal mitreden, ist Zuneigung viel komplizierter in Worte zu fassen als Hass. Beim Brexit haben die Alten die Jungen überstimmt. Deshalb ist es an meiner Generation zu zeigen, dass Europa nicht in der Krise ist. Im Gegenteil. Es gibt Herausforderungen, aber wir leben Europa so, wie die Union von Idealisten gedacht wurde. Als Ort des Friedens. Wirtschaftsbeziehungen sollten ihn sichern. Viel stärker sind menschliche Bindungen.

Max arbeitet als Jorunalist, derzeit als (Sport-)Redakteur bei der Berliner Zeitung (seit 2012). Er ist Autor des Buchs Peaks of the Balkans – Wandern in Albanien, Kosovo und Montenegro.
Max Bosse
Promo 2010-2012