Vorgestellt:

Dr. Nicolas Fescharek Wissenschaftlicher Assistent, Koordinator Deutsch-Französische Studiengänge

Jeanette Süß, Vorstandsvorsitzende des AGKV im Interview mit Dr. Nicolas Fescharek

Herr Fescharek, wie würden Sie ihr Aufgabenportfolio beschreiben?

Ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter am Otto Suhr Institut. Ich bin dafür verantwortlich, die Bachelor- und Masterstudiengänge mit Sciences Po und der HEC sowie den MAIB (Master Internationale Beziehungen) wissenschaftlich zu betreuen und die Studiengänge auch weiterzuentwickeln. Das sind viele Aufgaben, die in den Bereich des wissenschaftlichen Hochschulmanagements fallen. Der zweite große Aufgabenbereich ist die Lehre, das heißt das Unterrichten von Veranstaltungen auf Bachelor- und Masterebene zur Methodik, aber auch zu deutsch-französischen Themen.

Der dritte große Aufgabenbereich ist die Begleitung der Studierende, die an der FU ankommen, was den kompletten Prozess von Beginn bis Ende des Studiums betrifft. Viele Studierende müssen sich erst an die deutsche Uni gewöhnen, wenn sie aus Frankreich kommen. Sie merken, dass sie an der FU viel freier sind, dass sie mehr auf sich alleine gestellt sind. Dazu bedarf es der Beratung und Begleitung, um zum Beispiel zu erklären, wie die deutsche Uni funktioniert. Es geht also sehr stark auch darum, zu sensibilisieren für Unterschiede. Es geht nicht nur um Deutschland und Frankreich, sondern auch um den Wechsel von einer speziellen Einrichtung wie Sciences Po zur FU. Da ich selber an der Sciences Po studiert und promoviert habe, kann ich mich gut in die Lage der Studierenden reinversetzen.

Was mögen Sie am liebsten jeweils am deutschen und am französischen Universitätssystem?

Diese Frage habe ich mir im Master auch immer gestellt, ich hab immer verglichen, was gefällt mir hier, was gefällt mir dort. Mittlerweile habe ich den Standpunkt, dass es mir am allerbesten gefällt, wenn diese beiden Ansätze komplementär miteinander arbeiten. Natürlich kann man darauf verweisen, dass es in Frankreich eine eher empirisch geprägte Tradition gibt, die stark von der Soziologie beeinflusst wurde, wohingegen es in Deutschland eine andere Wissenschaftstradition und -kultur gibt. Das ist auch etwas, für das ich dann gerne in den Methodenkursen sensibilisiere. Interessant wird es immer dann, wenn zum Beispiel ein deutscher und ein französische Studierender zusammen eine Hausarbeit schreiben und dann feststellen, dass der jeweils andere völlig anders vorgeht. Am Ende können dabei wirklich interessante Arbeiten rauskommen.

Was ist Ihrer Meinung nach die Besonderheit des deutsch-französischen Masterprogramms zwischen Sciences Po Paris und der FU Berlin?

Die Besonderheit ist im Vergleich zu anderen Doppeldiplomen vor allem die lange Tradition der engen Zusammenarbeit, auf die hier zurückgegriffen werden kann – eine Zusammenarbeit, deren Anfänge bis in die 80er Jahre zurückreicht. Das bedeutet, dass sich die Forscher und Forscherinnen teils schon seit Jahren kennen, viele schon zusammen publiziert haben. Insgesamt ist es ein großer Vorteil, dass beide Institutionen sich gut kennen und diese Partnerschaft mit Leben füllen.

Dann gibt es ja noch die so genannten Gemeinsamen Seminare, die séminaires conjoints, die es so auch nicht in jedem Doppeldiplom gibt. Wenn dieses Seminar gut läuft, dann können wir einen Beitrag dazu leisten, dass eine richtige „Promo“ entstehen kann. Einrichtungen wie einen Ehemaligen-Verein gibt es auch nicht in allen Doppeldiplomen, das ist hier schon eine Besonderheit.

Mit welchen Fallstricken hat man als Studierender eines deutsch-französischen Doppeldiploms zu rechnen?

Ein bisschen schematisch kann man sagen: Der deutsche Studierende versucht sich ausgehend von seinem Thema erst einmal breit einzulesen. Jemand, der an einer französischen Universität studiert hat, wird sich hingegen schnell auf eine „première partie, deuxième partie“  festlegen, eine Frage und ein Paradox identifizieren und dann versuchen, diese Struktur auszufüllen. Das sind also unterschiedliche Herangehensweisen an Form und Inhalt, aber auch der Uni-Kulturen. Da bedarf es einer gewissen Eingewöhnung. Wenn die beiden Studierenden dann versuchen zusammen an einem Papier zu arbeiten, kann das durchaus schwierig werden. Aber das ist ja auch das, was es so interessant macht.

Angesichts von Europäisierung und Globalisierung, wozu vergleichen wir in der Politikwissenschaft noch Deutschland und Frankreich?

Die Unterschiede in Europa zu erklären ist nach wie vor wirklich wichtig, da die Europäisierung ja noch nicht so weit fortgeschritten ist, dass wir uns in einem Staat befinden – im Gegenteil, Unterschiede und nationale Kulturen bestehen weiterhin. Die Unterschiedlichkeiten von politischen Kulturen sind im europäischen Einigungsprozess oft vernachlässigt worden. Diese Kulturen sind nicht zu einer gemeinsamen europäischen Kultur konvergiert, sodass wir uns in allen Punkten verstehen in Bezug auf Finanzpolitik, Verteidigungspolitik, Gesundheits- oder Sozialpolitik. Daher bleibt es wichtig, dass Universitäten Unterschiede erklären und Vergleiche anstellen.

Die Promotion ist ein möglicher Karriereweg mit dem deutsch-französischen Doppeldiplom, aber es gibt auch andere Möglichkeiten. Welche Tipps würden Sie angehenden Absolventen mit auf den Weg geben?

Durch die institutionelle Zusammenarbeit und den AGKV-Verein verfügen wir natürlich über ein sehr großes Netzwerk und das muss man für sich nutzen. Es ist wichtig, in Kontakt zu bleiben mit Dozenten und Studierenden. Wir können natürlich auch Kontakte anbieten zu Stiftungen, Think Tanks, in die Wirtschaft, und da kann ich jeden nur aufmuntern, das zu nutzen. Die Ausbildung an Sciences Po ist sehr stark daran orientiert, die Studierenden sehr schnell auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, schnell arbeiten zu können, zu synthetisieren und rasch Lösungen zu finden. Das ist ein Vorteil, den man hat, wenn man neben einem deutschen Diplom auch Sciences Po auf dem Lebenslauf stehen hat. Unsere Absolventen arbeiten überall, sie schaffen es, in ihren Bewerbungen das OSI und Sciences Po zur Geltung zu bringen.

Herr Fescharek, vielen Dank für unser anregendes Gespräch !

 

Das Gespräch wurde am 2. Oktober 2017 geführt.